Das Boot zum Horizont
Ein Stipendium von MIRIAM lässt Frauen in Nicaragua in ein neues Leben aufbrechen
„Als ich 17 war, stand ich am Meeresufer meines Lebens und konnte nur sehnsüchtig hinausblicken. Ich hatte überhaupt keine Zukunftspläne“, erzählt die junge Rechtsanwältin rückblickend. „Das Wichtigste im Leben meiner Familie war, dass wir etwas zu Essen hatten. Von einem Studium konnte ich nicht einmal träumen.“ Heute arbeitet sie als Rechtsberaterin in einem großen, privaten Sozialprojekt, das in Nicaragua eine Klinik, eine Familienberatung und ein Bildungszentrum errichtet.
Die Organisation MIRIAM steht für selbstbewusste, gebildete Frauen, die die Welt verändern. Seit 1989 hat MIRIAM fast 400 engagierten Frauen ein Studium ermöglicht. Viele der Absolventinnen sind selbst Lehrerinnen, Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen oder setzen sich als Juristinnen für Recht und Menschenrechte ein. Dr.in Doris Huber aus Klosterneuburg hat MIRIAM 1989 gegründet. Sie ist heute Geschäftsführerin des Projekts, das auβer in Nicaragua und Guatemala auch in Österreich und der Schweiz aktiv ist. Für die Aktion Familienfasttag erzählt sie von den Lebensbedingungen für Frauen in Nicaragua.
AKTION FAMILIENFASTTAG: Frau Dr.in Doris Huber, Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren unter anderem für und mit Frauen in Nicaragua. Wie leben Frauen dort?
HUBER: In Nicaragua hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr viel in Richtung Gleichberechtigung und Durchsetzung von Frauenrechten getan, trotzdem herrschen immer noch patriarchal geprägte Strukturen vor. Auch Österreich ist nicht frei davon, aber die Frauenbewegung hat hier eine längere Tradition, und es herrscht weniger wirtschaftliche Not. Das traditionelle Rollenverständnis in Nicaragua bedingt noch mehr innerfamiliäre und sexuelle Gewalt.
AKTION FAMILIENFASTTAG: Wie erleben Mädchen die Rollenzuschreibung?
HUBER: Besonders in ländlichen Gebieten, wo viele Familien gerade das Notwendige zum Überleben haben, wird oft dem Sohn der Vorzug für eine Ausbildung gegeben, da das Mädchen „ja doch heiraten und Kinder bekommen wird“.
AKTION FAMILIENFASTTAG: Welche wirtschaftlichen Problemen belasten Familien in Nicaragua?
HUBER: Das größte Problem ist zweifellos die hohe Arbeitslosigkeit - geschätzte 60% der Bevölkerung haben keine feste Arbeit -, dazu kommen relativ hohe Preise für Wasser, Strom und Transport. Die Kosten für Bildung und Gesundheit sind unter der sandinistischen Regierung für die meisten Familien wieder leistbarer geworden. Von einem Studium können viele junge Menschen aber nur träumen.
AKTION FAMILIENFASTTAG: Welche Auswege bietet MIRIAM für Mädchen, Frauen und Familien aus schwierigen Situationen?
HUBER: Ein ganz wichtiger Weg zur Armutsbekämpfung geht über die Bildung! Daher ist die Förderung von Fachausbildungen für Frauen das Herzstück von MIRIAM – und kann seit dem ersten Jahr seines Bestehens 1989 auf die Unterstützung der kfbö zählen! Weiters führt MIRIAM Projekte zur Stärkung der Rechte von Frauen und Kindern durch. Rechtsberatung und psychologische Betreuung von Frauen dienen der Bekämpfung von innerfamiliärer und sexueller Gewalt. Das Motto von MIRIAM ist: Für das Recht auf ein würdiges Leben mit Bildung und ohne Gewalt!