Saturday 24. August 2019

Entwicklungszusammenarbeit als „Weltinnenpolitik“

 

[Wien, 23.8.2014, PA/HP] Die ungebrochen neoliberale Ausprägung von Wirtschafts-, Finanz- und Handelspolitik macht es immer notwendiger, Entwicklungszusammenarbeit auch als Arbeit an ihren politischen Rahmenbedingungen zu verstehen und zu verwirklichen: Wo der Kapitalismus national wie international immer krassere Schieflagen in der Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen hervorbringt, braucht es die Solidarität von NGOs, um mit gebündelter Kraft diese Schieflagen sichtbar zu machen, konkrete Kritik zu üben und Alternativen zu entwickeln.

 

Das ist das Ergebnis intensiver Debatten mit Fachleuten aus Praxis und Theorie auf der Sommerstudientagung der Katholischen Frauenbewegung Österreichs. Geschichte und Perspektiven der Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen der Aktion Familienfasttag der kfbö standen heuer auf dem Programm, zu dem sich in der burgenländischen Friedensburg Schlaining vom 20. – 23. August mehr als hundert Frauen aus ganz Österreich und Südtirol zusammengefunden haben.

 

„Es braucht die Offenheit für und den Willen zu einem Systemwandel“, so Hilde Wipfel, Fachreferentin der KOO-Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für Internationale Entwicklung und Mission, zu deren Mitgliedern auch die kfbö zählt. Noch sei das nicht erkennbar, maßgebliche Institutionen wie WTO (Welthandelsorganisation) oder IWF (Internationaler Währungsfonds) halten nach wie vor am Paradigma des Wachstums fest, wenn auch, wie die  Entwicklungspolitik-Expertin und Mitarbeiterin von WIDE (entwicklungspolitisches Netzwerk für Frauenrechte und feministische Perspektiven), Gertrude Eigelsreiter-Jashari, feststellte, beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos ein weiteres Auseinanderdriften von Arm und Reich weltweit durchaus thematisiert wurde. Wichtig für die Entwicklungszusammenarbeit sei, zu verdeutlichen, dass es in diesem Zusammenhang keine Dualität von Norden und Süden gäbe: Strukturanpassungsprogrammen im Süden stünden Sparprogramme im Norden gegenüber.

 

Unverzichtbar: Vernetzung

 

„Steuerflucht, Steuerhinterziehung, Korruption: an Stellen wie diesen müssen wir den Hebel ansetzen, um einen Systemwandel zu bewirken“, erklärte Hilde Wipfel und verwies auf bereits vorhandene Initiativen, die KOO und kfbö im Verbund mit anderen NGOs unterstützen und verstärkt betreiben wollen. Die Vernetzung auf Ebene der Nichtregierungsorganisationen habe auf dem Weg zu einem solidarischen, nicht-kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell oberste Priorität. Im Dachverband der katholischen Organisationen für Entwicklungszusammenarbeit (CIDSE) stehe derzeit die Auseinandersetzung damit, wie ein Paradigmenwechsel angestoßen werden könnte, zuvorderst auf der Agenda. Dass einzelne Initiativen als „Sand im Getriebe“ durchaus wirksam sein können, betonte Traude Novy, langjährige ehemalige Funktionärin in der kfbö auf unterschiedlichen Ebenen,  und erinnerte etwa an die erfolgreiche Verhinderung der Durchsetzung des Multilateralen Abkommens über Investitionen (MAI, 1998, geplantes Vertragswerk von OECD, EU und transnationalen Konzernen) durch die Zivilgesellschaft. Derzeit engagiert sich die Katholische Frauenbewegung mit anderen NGOs etwa für die Einführung einer Finanztransaktionssteuer und gegen von den USA und Europa geplante Freihandelsabkommen (TTIP).

 

Verstärkt anwaltschaftliche Arbeit

„Die Zivilgesellschaft hat die Aufgabe, gegenüber Politik und Wirtschaft Kontrolle zu üben, Vorreiterin zu sein und mitzugestalten – auf praktischer wie theoretischer Ebene“, erklärte Hilde Wipfel und definierte damit das Selbstverständnis auch von NGOs in der Entwicklungszusammenarbeit. Unschätzbarer Vorteil kirchlicher Organisationen sei dabei das bereits vorhandene globale Netzwerk, dieses gälte es zu nutzen. „Wichtig ist es dabei, Partnerinnen im Süden in das Gespräch einzubeziehen“, so Wipfel. Etwas, was mehr und mehr von dort auch eingefordert wird, wie Andrea Kadensky, Projektreferentin der Katholischen Frauenbewegung für Südindien und Nepal, bestätigen konnte: „Unsere Projektpartnerinnen verlangen zunehmend, dass wir sie bei uns zum Thema machen und politisch Druck erzeugen“. Wie erfolgreich diese anwaltschaftliche Arbeit funktionieren kann, hat die heurige Unterschriftenkampagne der Aktion Familienfasttag gegen die Ausbeutung indischer Baumwollspinnereiarbeiterinnen gezeigt – statt geplanter 5000 Unterschriften konnten mehr als 34.500 Unterschriften in Österreich gesammelt und den Projektpartnerinnen für ihre politische Arbeit in Indien übergeben werden.

Neoliberalismus „entmächtigt“ Frauen in ihrer Politisierung zu fördern und zu unterstützen, sie mehr und mehr zu Rechtsträgerinnen, zu Subjekten in der Durchsetzung ihrer Rechte zu machen, sei gegenwärtig eine wesentliche Stoßrichtung im entwicklungspolitischen Ansatz des „empowerments“, berichtete Andrea Kadensky aus der Projektarbeit der Aktion Familienfasttag. Bischof Yvon Ambroise, langjähriger Caritas-Präsident in Indien, der das Konzept der „Ermächtigung“ seit den frühen 1990er Jahren in Indien betrieben und unter anderem in Projekten mit der kfbö wirksam werden hat lassen, bezeichnete bei der Tagung die Mechanmismen des neoliberalen Wirtschaftens als  einen wesentlichen Faktor der „Entmächtigung“ heute. Internationale Konzerne würden staatlich nicht kontrollierte „Wirtschaftszonen“ in Indien schaffen, Fabriken hinter Gittern ohne jegliche sozialen Standards, offiziell dargestellt als Initiativen zur Schaffung von Arbeitsplätzen für Frauen.

 

Gender policy auch für österreichische Bischofskonferenz

 

„Das sind neoliberale Strategien, die eine Feminisierung der Armut vorantreiben und das zivilgesellschaftliche Engagement schwächen“, so Bischof Ambroise. Die indische Bischofskonferenz hat seit geraumer Zeit die Ermächtigung von Frauen zu einem deklarierten Ziel ihrer Arbeit erklärt.  Auch den österreichischen Bischöfen könne er eine gender policy empfehlen, so Bischof Ambroise.

 

Empowerment auch im Norden

 

Denn auch im Norden und in Österreich brauche es ein „empowerment“ von Frauen, wie in den Debatten vielfach festgestellt wurde. Brigitte Ornauer, langjährige ehemalige Referentin der Aktion Familienfasttag und 1995 – 2000 Koordinatorin für die Projektarbeit in der KOO: „Es braucht verstärkt einen feministischen Blick auf Politik und Wirtschaft und entsprechende Bildungsangebote für Frauen auf allen Ebenen, bis hin zu den Universitäten“. „Barfußökonominnen und Barfußpolitikerinnen“ seien nötig, so Traude Novy, Frauen mit Fähigkeiten, im Rahmen von Entwicklungszusammenarbeit und darüber hinaus „Weltinnenpolitik“ zu gestalten. 

 

Begegnung und „organische Intellektualität“

 

Bischof Ambroise brachte in diesem Zusammenhang den italienischen Philosophen und Politiker Antonio Gramsci und dessen Ansatz von einer „organischen Intellektualität“ ins Spiel. Im Gegensatz zu  „Bibliotheksintellektuellen“ schöpften „organische Intellektuelle“ ihre Erkenntnisse  und Theorien aus einer intensiven persönlichen Beschäftigung, aus der Begegnung und Interaktion mit Menschen, um die es in ihrer Arbeit gehe. Genau diese Art von Intellektualität brauche es in der EZA und im Prozess des „empowerment“ von Frauen, ein Begriff, der wesentlich auf den Brasilianer Paolo Freire zurückgeht. Auch Entwicklungsexpertin Hilde Wipfel betonte die große Bedeutung von „Begegnung“ als zentralem Element dafür, mit Verstand und Emotion eine Situation bzw. Menschen erfassen zu können. „Begegnung“  - das aktuelle Schwerpunktthema der kfbö – praktiziert  die Aktion Familienfasttag unter anderem mit einer Vielzahl von „Sensibilisierungsreisen“ zu Projektpartnerinnen in unterschiedlichen Kontinenten.

 

Es geht auch um unseren eigenen Lebensstil

 

Friederike Habermann, Politologin und Expertin für transnationale Bewegungen sowie Fragen nichtkapitalistischen Wirtschaftens, gab zu bedenken, dass sich sogenannte „Subalterne“, Menschen jenseits aller Privilegien in dieser Welt, sehr wohl zu artikulieren wüssten, aber nicht gehört würden. Sie appellierte, sich der „imperialen Lebensweise“ im Norden der Welt bewusst zu werden und anzufangen, selbst anders zu leben, nichtkapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsformen im je eigenen Leben zu erproben und umzusetzen. Solidarität, so Habermann, entstehe erst dort, wo Menschen sich auf gleicher Ebene mit gleichen Interessen begegnen würden. Hilde Wipfel bekräftigte diesen Zugang zum Begriff der „Begegnung“: „Es geht auch um unseren eigenen Lebensstil“.

 

Eine andere Welt ist möglich

 

„Nicht aus Barmherzigkeit tun, was der Gerechtigkeit geschuldet ist“ – mit dieser Prämisse wollte Traude Novy das Verständnis der EZA in der Katholischen Frauenbewegung mehr denn je versehen wissen, unterstützt von Christa Esterhazy, die in den Jahren 1975 bis 1997 für die Katholische Frauenbewegung Österreichs aktiv war, verantwortlich für den Familienfasttag, als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit sowie tätig für die Dachorganisation CIDSE. Sie erinnerte an die bewegten siebziger und achtziger Jahre: „Wir waren überzeugt: eine andere Welt ist möglich“. Gemeinsam mit Traude Novy ermutigte Christa Esterhazy die Frauen auf der Sommerstudientagung, „Brückenbauerinnen“ zu sein – zu anderen Organisationen mit den gleichen Zielen innerhalb wie außerhalb von Kirche. Die Frage der Verteilungsgerechtigkeit weltweit umfasse dabei auch den im Blick auf Frauen besonders drängenden Aspekt einer Gerechtigkeit in der Bewertung und Verteilung der Sorge- oder „Care“-Arbeit.

 

Nord-Süd-Problematik auch im Burgenland

 

Die Sommerstudientagung war in diesem Jahr von der Frauenbewegung im Burgenland organisatorisch betreut, ein Bundesland, das – wie Heike Bauer-Hoffmann von der Diözesanleitung einleitend betonte - die Nord-Süd-Problematik aus der eigenen Region kenne. Liturgische Feiern während der Tage boten spirituelle Tankstellen, im Rahmen eines Forum-Theaters brachten Frauen des Bildungsarbeitskreises der Aktion Familienfasttag Themen aus der praktischen Arbeit spielerisch auf die Bühne. Der burgenländische Bischof Ägidius Zsifkovics lud die Frauen zu einem Grillabend ein und feierte mit ihnen unter anderem den Abschied der langjährigen Diözesanleiterin der burgenländischen Frauenbewegung, Gabi Zarits, die in Pension geht.

Pressereferentin der kfbö

Mag.a Elisabeth Ohnemus

Tel: 0664-321 89 36

Email: elisabeth.ohnemus[a]kfb.at

Pressephotos der Vorsitzenden

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